Wie wir einen Wiederholungszwang auflösen

Wie wir einen Wiederholungszwang auflösen

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Jeder von uns fand sich schon das ein oder andere Mal in einer Situation wider, die er in seinen gewissen Grundzügen ähnlich bereits zuvor erfuhr oder gar schon öfters durchlebte. Sei es immer an „die Falschen“ zu geraten, abwertenden Menschen zu begegnen, Opfer der Umstände zu sein oder immer wieder gekündigt zu werden.

Was liegt am Wiederholungszwang?

Nietzsche nannte es die ewige Wiederkehr. Wir wiederholen ständig und andauernd die gleichen Dinge. Wir sind gefangen in einem Netz aus Wiederholungen. Die Psychologie beschreibt dieses „gefangen sein“ oder „um sich selbst drehen“ als einen Wiederholungszwang.

Wir geraten durch diesen immer wieder in Situationen und Umstände, die ähnliche Gefühle und Emotionen in uns auslösen, die einst in einer ursprünglich unerträglichen Begebenheit gespeichert wurden.
Wenn wir nun irgendwann im Laufe unseres Erwachsen oder persönlichen Reifens bereit dazu sind, schaffen wir uns meist unbewusst ähnliche Situationen, die das frühere Erleben spiegeln.

Wozu dient das?

Damit wir an unser ursprüngliches Drama und Gefühl herankommen!

Was soll das bringen, fragst du dich?

Nur so wirst du in der Lage sein, dieses ursprüngliche Gefühl aufzulösen und schlussendlich loszulassen.

Das bedeutet, deine äußeren Umstände werden sich ebenfalls ändern. So kannst du mit dem für dich richtigen Partner zusammenkommen oder einen erfüllenden Job annehmen. Kurz:

Du wirst vom Opfer der Umstände zum Schöpfer deines Lebens.

Warum sind Wiederholunsgzwänge so hartnäckig?

Das Leben will uns nicht ärgern oder bloß stellen, es hilft uns damit, Dinge die sich in uns gespeichert haben, frei zu lassen, um so auf die nächste Entwicklungsstufe zu gelangen. Dieser teils unbewusste Zwang, uns immer wieder von Neuem in fordernden Situationen zu begehen, dient als Spiegel unserer Innenwelt. Denn, es kann uns im Grund nichts treffen, was uns nicht auf irgendeine Weise betrifft.

Wiederholungen führen uns zu Situationen, bei denen wir die Chance erhalten, an einst erlebte Gefühle heranzukommen.

Ein einfaches Beispiel: Hatten wir einen alkoholkranken Vater, suchen wir uns stellvertretend einen alkoholkranken Mann, der die Gefühle triggert, die wir einst vergruben. Warum pressten wir sie nach unten? Weil wir unsere eigene Ohnmacht, ausgelöst durch die Hilflosigkeit unseres Vaters nicht fühlen konnten. Wir waren zu jung, solche unerträglichen Gefühle auszuhalten. Als Erwachsene ziehen wir Stellvertreter in unser Leben. In unserem Beispiel einen bedürftigen Mann. Er ist der perfekte Spiegel und hilft uns die einst tief gespeicherten Gefühle zu fühlen. Das ist sehr heilsam.

Nehmen wir die Gelegenheit nicht wahr und wagen uns nicht an die Ursprünglichkeit heran, ziehen wir erneut Stellvertreter in unser Leben, bis wir letztendlich alles Ausfühlen. Jedes Mal werden die Spiegel etwas eindringlicher.

Vielleicht schaffen wir auch immer nur gewisse Schichten. Vielleicht müssen wir manches Mal Dinge öfters wiederholen. Vielleicht schickt uns das Leben viele Stellvertreter, aber irgendwann haben wir es dann geschafft!

Sie alle helfen uns an eine ursprüngliche Verlassenheit oder Angst heranzukommen. Darum sollten wir uns nicht vor ihr fürchten, sondern sie dankbar annehmen. Denn nichts kann uns triggern, was nicht in uns abgelegt ist.

Wie entsteht der Zwang?

Das Leben strebt nach Wachstum. Daher bringen wir uns immer wieder in die gleichen Situationen, um alte Gefühle auszufühlen. Es hat mit unserem Gegenüber im Grunde nichts zu tun. Es dient lediglich als Ersatz oder Stellvertreter.

Es müssen auch nicht immer die Eltern unangenehme Gefühle in uns hineingepflanzt haben, es könnte auch ein aggressiver Nachbarsjunge gewesen sein, der uns verprügelte oder eine abwertende Cousine oder ein einschüchternder Lehrer oder eine boshafte Großmutter. Unsere Schlüsselfiguren aus der Kindheit begleiteten uns und sie alle hinterlassen bleibende Spuren, im Guten wie im Schlechten.

Als Kind werden bei traumatischen Erlebnissen (Angstgefühle, Verlassenheit, Abwertungen usw.), jene Gehirnregionen aktiviert, die bei akuten körperlichen Schmerz ebenfalls aktiv sind. Da wir als kleine Geschöpfe, solche Schmerzen nicht aushalten, pressen wir sie hinab. Erst als Erwachsene, wenn wir die emotionale und geistige Kraft besitzen, diese unterdrückten Emotionen endlich auszufühlen, können wir uns wirklich von unserer emotionalen Vergangenheit lösen.

Da der einstige Schmerz ins Unbewusste gedrückt wurde und die Dynamiken seit Jahrzehnten anhalten können, erkennen wir diesen oft nicht bewusst.

Erst ein zunehmend und merkbarer Wiederholungszwang, gibt uns Hinweise, über die Dinge, die noch als Schatten in uns schlummern.

Auflösung durch bewusste Annahme

Wenn wir wieder mal den Falschen an der Angel haben, ist das Beste was wir für uns tun können, uns hinzusetzen und die ursprünglichen Gefühle zu fühlen und willkommen zu heißen. Denn sie sind da, um gefühlt zu werden. Und sie werden nicht eher verschwinden, bis wir sie annehmen und durchleben bzw. durchfühlen. Wir dürfen sie begrüßen und uns beglückwünschen, dass wir endlich soweit sind, ihnen Raum zu geben und so unser ursprüngliches Trauma anzunehmen. Wer Begleitung dabei braucht, sollte sich diese nehmen!

Es gibt sogar viele Fälle, in denen die Traumata der Großeltern weitergegeben wurde. Das wird transgeneratives Trauma genannt und kann bis in die vierte Generation weitervererbt sein. Einen aufschlussreichen Artikel von Deutschlandfunk darüber gibt es hier.

Wenn unsere Eltern noch nicht in der Lage waren, die innerlichen Wunden zu erkennen und diese zu durchleben, ist das nun unsere Aufgabe. Falls wir dazu emotional nicht in der Lage sind, geben wir es an unsere Kinder weiter. In unserem Zusammenhang können wir von einem transgenerativen Wiederholungszwang sprechen.

Gefühle haben in gewisser Weise ein Eigenleben und sie möchten angenommen und wertgeschätzt werden. Solange wir sie unterdrücken, bringt uns das Leben immer wieder Gelegenheiten, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Wie einen Neuanfang wagen?

Vertrauen in die Umstände haben! Wir sollten die Angst, etwas Falsches zu tun, hinter uns lassen. Das Leben meint es immer gut mit uns. Es schickt uns die richtigen Stellenvertreter, damit wir an das ursprüngliche Gefühl herankommen und es ausfühlen können.

Dadurch lösen wir uns von unserem Wiederholungszwang. Das ist etwas Wunderbares. Wir haben so die Möglichkeit, innerlich frei zu werden. Das Einzige was wir dafür tun müssen, ist, bejahend zu fühlen.

Wie tun wir das?
Immer wenn ein Gefühl der Trauer oder Wut aufkommt: In die Stille gehen, Augen schließen und innerlich Ja sagen, zu allem, was da ist. In meinem Buch Freiheit und die Angst davor, werde ich ausführlich darauf eingehen.

Drum nehme alle Situationen bejahend an! Baue keinen Widerstand gegen sich wiederholende Dinge auf, sondern erkenne die Botschaft darin.

Also dann, auf zur nächsten Runde und diesmal mit Gefühl !

Ach ja, vielleicht geraten wir noch einmal in unangenehme Situationen, um unserem Inneren die Chance zugeben, nun anders zu handeln. Vielleicht ist gerade dieses Nein! Stopp! Sehr wichtig für unseren inneren Frieden.

Drum sollten wir Dinge nicht verfluchen, weil sie nochmal geschehen. Viel eher können wir dankbar sein, für die Chance der Richtigstellung.

Der Schlüssel ist: Baue eine Beziehung zu dir Selbst auf. Entwickle dein Inneres. Verstehe dein emotionales Erbe und integriere deine Geschichte. Entdecke dein Sosein!

Und das aller wichtigste dabei: Habe Spaß am Entdecken deiner inneren Dimensionen! Sie machen dein Leben aus 🙂

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Möchtest du noch mehr erfahren? Lies den Erfahrungsbericht einer Frau, über den Wiederholungszwang ihrer verschlingenden Mutter-Thematik. Im Folgenden findest du die Antwort der großartigen Alice Miller.

»Das Tragische am Wiederholungszwang ist unter anderem, dass die panische Angst des inneren Kindes vor dem ersten Bezugsobjekt (der grausamen Mutter?) uns zwingt, die Mutter vor der Wut des kleinen, ohnmächtigen Säuglings zu schonen, damit sie uns nicht umbringt. Doch je bewusster wir werden, umso bewusster wird uns diese einst verdrängte, einst so gefürchtete Angst, die jetzt erst ERLEBBAR ist, weil die tödliche Gefahr nicht mehr besteht. In den neuen Beziehungen kann es geschehen, dass unsere Urteilskraft noch leidet, solange wir diese Beziehungen brauchen, um die ursprüngliche Angst vor der Mutter durchzuarbeiten. Aber Sie sind ja dran, wie Sie schreiben. Und Sie werden sich von diesem Wiederholungszwang ganz befreien, sobald Ihre panische Angst vor der Mutter sich abschwächt (weil Sie sie erlebt haben) und Sie die gegenwärtige Bekannte von ihrer doppelten Rolle befreien können. Dann können Sie sich wehren, können ihr Ihre wahren Gefühle zeigen, sind nicht mehr ohnmächtig und brauchen Ihre Wut nicht zu verstecken. Sie brauchen diese Person nicht zu hassen, weil Sie nicht von ihr wie von der Mutter abhängig sind, aber auch nicht zu lieben, weil diese Frau Sie offenbar nicht versteht und Ihnen überhaupt nicht gewachsen ist. Ich habe den Eindruck, dass Sie bereits auf dem Weg sind zu diesen Lösungen, daher der Titel Ihres Briefes. Aber vergessen Sie nicht, dass die an Ersatzobjekten erlebte Wut nicht wirklich befreiend ist, solange sie durch die Verwechslung mit der Mutter ungerecht, daher verwirrend und unaufgelöst bleibt. Die heilsame Wirkung hat nur die BERECHTIGTE Wut, die Wut am Objekt, das diesen Zorn des Kindes voll und ganz verdient hat«

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Posted on: 17. Mai 2020styx

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