Warten

Warten

Ich sitze seit knapp zwei Stunden im Transitbereich und warte auf meinen Flug.

Der Mensch an sich ist schon ein absurdes Wesen.

Etwa siebzig Fluggäste sitzen im Wartebereich, alle relativ dicht aufeinander gedrängt, wie Büffel um ein Wasserloch und doch ganz auf sich fixiert.

Ich verstehe diese Eigenart nicht.

Warum müssen sich mehrere Menschen immer dicht nebeneinander drängen, so wie sie es auch in Zugabteilen tun, obwohl der Großteil des Raumes, mit all seinen Plätzen frei ist.

Kannst du dir erklären, warum ein Reisender stets die Nähe eines anderen Reisenden sucht, obwohl selten ein Kontakt zustande kommt?

Warum setzen sich fremde Menschen auf ihren Fahrtwegen immer zueinander, obwohl der ganze Raum, das gesamte Abteil frei ist?

Wenn ich gerade weiter so meinen Blick schweifen lasse über diese zusammengepferchten Wartenden, fällt mir auf, dass niemand ein Buch liest. Bis auf drei Menschen die eine Zeitung halten, hat niemand Papier in der Hand.

Alle sind in ihre Apparate vertieft.

Was sie wohl treiben?
Wo sind sie gerade mit den Gedanken?
Wohl kaum anwesend hier in diesem Raum.
Ist das auch eine Art Flucht?

Nie wirklich anwesend und gegenwärtig sein.
Ein Blick, ein Lächeln, eine zunickende Anerkennung, das alles wird nicht wahrgenommen, und wenn sich doch die Aufmerksamkeit auf das Jetzt richtet, kann durch den Umstand des flüchtigen Kurzzeitgedächtnisses die fremden Begegnungen nicht festgehalten werden.

Sie verblassen in den nächsten Stunden und scheinen dadurch nie existiert zu haben.
Was kümmert es also das sich diese siebzig Reisende gar nicht ihrer Umgebung bewusst werden?

 

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styxme editon

Posted on: 20. Oktober 2018styx

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