Palermo, Hollywood

Ich beschloss, wieder zurück in die Pension zu gehen und mich etwas auszuruhen, bevor ich zur Fähre fuhr.

Auf dem Weg dorthin, erkannte ich nichts wieder. Die Umgebung schien plötzlich fremd und mir nicht länger vertraut. Mit einem male wusste ich nicht, wo ich mich befand. Die Häuser erschienen anders, als noch Stunden zuvor. Der Verkehrslärm brüllte mir regelrecht entgegen. Alles war zu schnell und hektisch. Mir wurde schwindlig und ich hatte einen unbändigen Durst.

Ich setzte mich.

Wo war ich?

Laut Straßenname noch immer an der Plaza de Italia.

Doch ich erkannte nichts mehr.

Wie war das möglich?

Wie lange bin ich schon unterwegs?

Warum erinnerte ich mich nicht mehr? Die letzten zehn Tage spazierte ich doch ununterbrochen hier entlang.

Mein Hals und Mund waren so trocken.

Ich schüttelte den Inhalt der Wasserflasche hinunter, doch er löschte meinen Durst nicht. Ich fühlte mich so schwach, ich hatte keine Kraft mehr. Mir war es, als schliefe ich gleich im Sitzen ein. Was war passiert?

Ich erkannte nichts.

Es war so erschreckend! Ich wusste, wo ich theoretisch saß, doch wie ich es wahrnahm, war so fremd. Diese Häuser, diese Straßenzüge, der Platz. Alles sah anders aus.
Zurück zur Pension! Ausruhen! „So erreichst du niemals die Fähre. Du musst dich hinlegen für eine Stunde“, sagte ich mir. Eindringlich las ich die Verkehrsschilder, um ein weinig Orientierung zurückzugewinnen. Rein von der Logik her, wusste ich den Weg zurück.

Es waren 2,5 Kilometer, einfach die Santa Fe hoch. Das war nicht schwer. Gleichzeitig war mir, als liefe ich zum allerersten Mal diesen Weg entlang. Nichts schien vertraut, nichts schon einmal da gewesen.

Alle paar Meter musste ich mich ausruhen. Ich hatte das Gefühl, extrem zu wanken. Meine Muskeln verkrampften sich und ich kämpfte mit der Ohnmacht. Was war nur geschehen?

Ich kannte dieses Gefühl von früher, als ich chemische Drogen beim Feiern probierte. Doch ich hatte nichts genommen.

Oder war etwas im Trinkwasser?

War etwas verkehrt mit meiner Wasserflasche?

Hatte ich sie irgendwo stehen gelassen?

Wollte mir jemand was antun? Mattheo vielleicht? Oder Julia? Aber warum?

Ich verstand das alles nicht. Oder war das Trinkwasser von Beunos Aires vergiftet und nur ich als Ausländer reagiere allergisch darauf, weil ich es nicht gewöhnt bin. Warum aber gerade jetzt und nicht zuvor?

Ich hatte einen entsetzlichen Durst.

An der nächsten Straßenecke sah ich einen Händler mit Limonade und Wasser. Inständig hoffte ich, er würde nicht erkennen, was mit mir los war. Als ich auf ihn zu trat und einfach „dos Aguas“ sagte, nahm ich die Szenerie neben mir wahr. Eine stark übergewichtige Frau lag mit dem Rücken auf dem Boden vor einer Art Gerichtsgebäude. Ein Polizist stand neben ihr und fragte sie etwas, was ich nicht verstand. Es sah so absurd aus. Die Frau erschien mir als eine dicke Schildkröte, die sich nicht mehr wenden konnte. Der Händler schenkte mir keinen Blick und starrte auf das Geschehen. Meine Hände und Beine zitterten stark und ich war froh, dass er abgelenkt wurde.

Ein paar Meter ging ich weiter, bis ich mich wieder setzen musste. Ich schüttelte gierig die erste Flasche Wasser hinunter. Es half ein wenig. Ich spannte meine Beine und Arme von neuem an, um aufzustehen und nicht einzuschlafen. Hatte ich einen Schwächeanfall?

Was geschah mit mir?

Ich schleppte mich voran, mein Ziel war, die Pension zu erreichen und mich für eine Stunde auszuruhen, ehe ich zur Fähre fuhr. Nach einer weiteren Pause gestand ich mir ein, dass ich Hilfe brauchte. Gleichzeitig überkam mich eine panische Angst, hier in einem Hospiz zu landen.

Ich sah einen Zebrastreifen mit Ampel. Zwei Frauen liefen vor mir, ich wollte sie gerade um Hilfe bitten, legte mir auf Spanisch bereits die Worte fest, doch die Ampel schaltete auf Grün.

Ich ging weiter, wusste, dass es ein Zeichen war. Ich würde es schaffen. Die einzelnen Streifen des Überwegs waren gigantisch groß. Ich hatte das Gefühl, über diese klettern zu müssen. „War das Fear and Losing in Las Vegas?“, kam es mir in den Sinn.

Ich sah die flackernden Lichter von Palermo Hollywood. Gott sei Dank! Bald war ich da.

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