Muster auflösen durch Archetypen

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Ähnlich wie wir durch Wiederholungszwänge unseren versteckten Verhaltensweisen auf die Spur kommen, so geben uns Muster oft Hinweise zu innerweltlichen Programmen, denen wir blind ausgeliefert sind.

Diese Muster können wir als konditionierte Reflexe bezeichnen (ausführlich kannst du dazu in meinem Buch »Freiheit und die Angst davor« nachlesen), die uns durch Erziehung, Vererbung und Umwelteinflüsse prägen.

Wir können diese Muster aber auch mit C. G. Jung verstehen und betrachten dazu sein Konzept der Archetypen.

Was sind Archetypen?

Die Archetypen beschrieb Jung das erste Mal in seiner Dissertation 1902. Es sind Persönlichkeitsanteile, die uns allen zur Verfügung stehen, doch bei jedem unterschiedlich stark aktiviert sind.

Besonders durch die Mythologie werden unsere innerweltlichen Anteile präsentiert. So haben wir alle den Archetypen des Helden in uns. Bei einigen tritt dieser Typus im Helferkomplex zutage, bei anderen als Retter und bei wieder anderen, kann er ganz stumm sein, da der Archetyp des Opfers aktiver ist.

All das hat mit unseren Schattenanteilen zu tun, die uns oft steuern. Wiederholungszwänge und durch diese motiviert, bewusste Schattenarbeit helfen uns, mehr über das zu erfahren, was uns tatsächlich ausmacht und wie wir im Grunde Entscheidungen treffen.

Um all das in seiner Komplexität zu greifen, ist dieser Artikel viel zu kurz. Wenn dich das Thema des Schattens interessiert, dann hol dir mein Freiheits-Buch, darin ist alles ausführlich beschrieben.

Denn Freiheit beginnt immer im Inneren!

Jung beschreibt wie wir besonders durch Märchen, Sagen und Legenden unseren unverstandenen Archetypen Ausdruck verleihen können.

Denken wir an den Archetypen der Mutter. Sie ist in allen Märchen präsent. Doch ist sie wirklich da?

Erinnern wir uns an Schneewittchen. Die Mutter starb im Kindbett und wird idealisiert, da sie nicht greifbar ist. Stattdessen erscheint die neue Frau des Königs als verschlingende, böse Frau. Das absolute Gegenteil der heiligen Engelsmutter, die nicht präsent ist.

Denken wir an Hänsel und Gretel. Was macht denn die Mutter? Sie ist passiv und unerreichbar und lässt den Vater ohne Murren, die Kinder im Wald aussetzten. Die Geschwister geraten (wie Schneewittchen) an eine verschlingende, böse Frau, nämlich die Hexe im Wald.

Drehen wir das Ganze doch mal um. Vielleicht hat die Hexe jahrelang dafür gebacken, um endlich ihr Traumhaus fertig zu stellen und da kommen diese verlausten Kinder daher und zerstören ihre Kunst. Was hättet ihr denn getan?

Das Verschlingende in uns

Was für ein Frauen- und Mutterbild! Mütter sind nicht da und dadurch perfekt. Selbstständige Frauen sind böse und verschlingend. Darin finden wir sicherlich das Bild der Lilith wieder. Sie war die erste Frau Adams im Schöpfungsmythos des Alten Testaments.

Kurze Geschichte für all diejenigen, die diesen Mythos nicht kennen.

»Und Gott erschuf Adam und Lilith…«, gleichberechtigt aus Ton/Erde. Sie hatten beide die gleichen Rechte und waren unabhängig voneinander und frei.

Damit konnte Adam jedoch nur schwer umgehen, weshalb er sich bei Gott beklagte, da Lilith sich ihm einfach nicht unterwürfig verhielt.

Gott stellte Lilith vor ein Ultimatum, dass sie sich entweder Adam unterwerfe oder aus dem Paradies verbannt wird.

Aber Lilith wäre nicht gleichberechtigt, so wie sie geschaffen wurde, wenn sie sich hätte untergeordnet.

Lilith wurde aus dem Paradies vertrieben und das Mittelalter machte sie zum Sündenbock für alle Fehlgeburten und dem weiblichen Unheil schlechthin. Man sagte ihr nach, sie habe Sex mit Dämonen und dem Teufel. Hätten die mittelalterlichen Gelehrten die Gelegenheit gehabt, einmal die Love Parade in Berlin zu besuchen, sie wären sicherlich davon überzeugt gewesen, das wir heute alle in einer Lilith Hölle leben.

Eva wurde für Adam geschaffen, aus seiner Rippe. Dieser Akt ist sehr symbolisch. Wo doch Lilith und Adam noch aus dem gleichen Material stammen, ist Eva nur noch ein Teil Adams.

Als sie von der Frucht der Erkenntnis naschen will und es Adam anbietet, hätte er ja auch Nein sagen können. Stattdessen beißt er ab und gibt Eva die Schuld. Ebenso wie er sich bei Gott über Lilith beschwerte, übernahm er auch hier wieder keine Verantwortung für seine Wünsche und Tun.

Diese Archetypen der verschlingenden Frau durch Lilith (Hexe, Stiefmutter), Eva (perfekte Mutter/Hausfrau) und Adam (Gottes Ebenbild/ Sohnemann) tragen wir alle ins uns, egal ob wir Mann oder Frau sind. Es sind Persönlichkeitsanteile, die unterschiedlich stark aktiviert sind. Wir alle tragen das Verruchte (Lilith), das Brave (Eva) und die Selbsterhöhung (Adam) in uns.

Wann werden Archetypen zu Mustern?

Ich hoffe, du konntest bis hierher das Konzept der Archetypen (grob) verstehen. Es gibt verschiedene Ebenen, auf denen die Archetypen aktiv sind. Wir alle sind ihnen kulturbedingt ausgeliefert, wie es am Beispiel des Schöpfungsmythos wunderbar zum Ausdruck kommt.

Auf der privaten Ebene prägen uns Archetypen ebenso und durch diese kreieren wir unsere Muster, die unerkannt, uns ein Leben lang steuern können.

Wir sind tatsächlich lebenslänglich mit ihnen verbunden, doch wir haben die Möglichkeit uns ihrer bewusst zu werden und sie dadurch aktiv zu halten oder eben zu deaktivieren.

Nehmen wir an, wir werden in eine strenge, evangelische Familie hineingeboren, in denen Zucht und Ordnung herrschte. Das heißt, Schläge bei Missachtung der Familien-Regeln, strenger Glaube, religiöse Dogmen, Scham und Schuld in Form von emotionaler Erpressung.

In dieser Familie haben wir nun drei Kinder, die unterschiedlich mit ihrer Geworfenheit (Heidegger) umgehen. Ein Kind aktiviert den Archetypen des Rebellen. Seine Strategie mit diesem engen Korsett aus Vorschriften fertig zu werden, ist es, fest daran zu rütteln und auf Angriff zu gehen.

Das zweite Kind bedient sich dem Archetyp des Opfers und ist ständig krank, somit stellt es sicher, permanent das Mitleid seiner Familie für sich zu nutzen. Denn das Jammern des Kindes, schützt vor Bestrafung.

Das dritte Kind bedient sich dem Archetypen des Unsichtbaren. Es macht sich klein und unsichtbar, damit es gar keine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es ist zum Beispiel immer brav und macht absolut keinen Dreck. Als gäbe es ihn oder sie gar nicht. Dadurch stellt es sicher, zu überleben und nicht all zu oft Strafe auf sich zu ziehen.

All diese Strategien sind für diese Kinder überlebensnotwendig.

Sie prägen sich sehr tief ein, da solche Dynamiken meist über Jahre hinweg ausgelebt werden. Als Erwachsene sind diese Archetypen noch als Muster in uns aktiv. Ein Grund warum Geschwister ihr Elternhaus oft ganz unterschiedlich erleben, sind ihre aktivierten Archetypen und die dann daraus entstandenen Muster.

Der Rebell könnte als 40 Jähirger Schwierigkeiten haben, eine ordentliche Anstellung zu bekommen, da er durch seinen aktiven Archetypen gegen jede Autorität ankämpft. Als Kind machte das absolut Sinn, doch 40 Jahre später, ist dieser innere Kampf eher hinderlich.

Der Archetyp des Unsichtbaren könnte als Erwachsener Schwierigkeiten haben, in Beziehungen zu gehen, da er ständig übersehen wird. Ebenso das Opfer, es bleibt klein und gibt Verantwortung ab, da es sich im Jammern bequem gemacht hat.

Und wenn wir ganz ehrlich sind, so haben wir alle Anteile davon in uns. Da ist nichts Verwerfliches dran, sie dienten uns einst auf eine sehr beschützende Weise.

Muster auflösen in 5 Schritten

Ganz wichtig ist es, dass du dich nicht verurteilst, welche Archetypen du in dir aktiv hast und ehrlich bleibst, wer du wirklich bist. Habe Mitgefühl mit deinen Strategien, die du einst wähltest und erkenne, vor was sie dich bewahrten und schützten.

Die folgenden fünf Schritte helfen dir dabei, deine Muster aufzulösen und neue Archetypen zu aktivieren.

Schritt 1: Erkenne welcher Archetyp/Muster in dir aktiv ist.
Schritt 2: Erkenne, durch was sie getriggert und wann sie aktiv werden.
Schritt 3: Schreibe auf (z.B. Tabelle), welchen Schaden sie bis jetzt anrichteten.
Schritt 4: Überlege dir einen helfenden Archetyp und entwickle neue Strategien.
Schritt 5: Handle in einer neuen Weise und triff die Entscheidung, einen neuen Weg zu gehen.

Der Archetyp des Rebellen könnte beispielsweise den Archetypen des Unternehmers in sich aktivieren und von nun an, selbstständig handeln.

Das Opfer könnte den Archetypen des Weisen nutzen, um mehr Verantwortung in seinem Leben zu übernehmen.

Der Archetyp des Unsichtbaren könnten seinen inneren Helden aktivieren und die Entscheidung treffen, sich selbst mehr zu vertrauen.

Geht spielerisch an die Sache heran und versucht mit Freunden und Partnern euch selbst auf die Schliche zu kommen! Es lohnt sich und öffnet ganz neue Türen im Leben!

Und irgendwann, wenn all die aktiven Archetypen verstanden und hinderliche Muster aufgelöst sind, wirst du fühlen, wie du mit beiden Beinen fest auf dem Boden deiner Gegenwart landest.

Denn alte Archetypen projizieren oft die Vergangenheit in Situationen hinein, denen sie gar nicht mehr entsprechen.

Bist du im JETZT angekommen, so erdest du dich, vielleicht ganz bewusst das erste Mal in deinem Leben. Du bist da, im Hier und Jetzt. All die Fäden und Verwicklungen, die deine Sicht so sehr verengten, sind gezogen. Und du blickst auf die Welt und siehst dein Leben klar, jenseits von Gut und Böse, einfach nur, wie es ist.

Du bist frei!

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