#styxus ∞ steffi müller

Eine Bekannte von mir verglich neulich Musik mit einer Tapete. Sie hängt im Hintergrund. Manchmal hübsch, manchmal verstaubt, hat sie für viele keinen besonderen Zweck.

Sie ist Musikerin und hat das Gefühl, etliche Menschen um sie herum, räumen der Musik nur einen passiven Platz ein oder lassen sie ausschließlich als dekorative Basis existieren. Gewagte These? Vielleicht! Was aber ist Musik heute überhaupt?

Musik als Technologie

In den letzten Jahren hat sich die Technologiebranche hervorragend geschlagen. So viele neue Geräte und Dienste stehen einem durchschnittlichen Menschen zur Verfügung, dass man beinahe von dieser Vielfalt überfordert wird.

Wenn ich wollte, könnte ich zusammen mit meiner Mikrowelle einen wöchentlichen Kochplan programmieren, mir von meiner digitalen Uhr eine Herzmassage bestellen lassen oder dem Fernseher in meinem Elternhaus, aus der digitalen Ferne den Einschlafenpodcast im Abo bescheren.

All diese möglichen Tätigkeiten in unserem Leben sind häufig automatisch, mit einem passenden Soundtrack unterlegt. Meine Mikrowelle spielt zwar noch keine Musik, wenn sie für mich im Dienst ist, aber etwas Gedudel im Hintergrund schadet nicht, oder? Genau an dieser Stelle protestierte ich ganz vehement! Denn hier fängt an, was so häufig verloren geht: der bewusste Umgang mit Musik.

Musik und ihre Stimmungen

Jeder Mensch wird von Musik anders angesprochen – es ist ein passiver Akt. Holen wir uns die Veränderung unserer Stimmung, unsere kleinsten Reaktionen auf Melodien und Rhythmen ins Gedächtnis, so eröffnen sich viele neue Möglichkeiten.

Beim Kochen beispielsweise möchte ich gehobener Stimmung sein, nicht zu aufgeregt, aber auch nicht schläfrig und schon gar nicht traurig. Entsprechend kann ich die begleitende (nicht hintergründige) Musik wählen. Richtig, ich kann wählen! Ich darf aktiv nicht nur an der Auswahl der Songs teilhaben, sondern damit einhergehend an meiner Stimmung, in der ich mich befinden möchte.

So wie ich schmackhafte, gesunde Lebensmittel bevorzuge, wähle ich mir angenehme Musikstücke. Und wenn ich schon mal dabei bin, sollte ich mein Essen wieder häufiger selbst kochen und meiner Mikrowelle mit ihrem Gedudel eine Pause gönnen.

Geräusche, Melodien und Rhythmen finden an unserem Bewusstsein vorbei, den Weg ins Innere.

Das Tapetenhafte an der Musik, ist manchmal der alltägliche Straßenlärm, die nicht leisen Nachbarn oder die Türklingel. Andere Male sind es die Titelsongs der neuesten Games oder der Soundtrack einer Serie, bisweilen auch die leichten Verführungsversuche der Werbung. Typisch Tapete!

Neben dem unbewussten Konsumieren dieser Unmenge an verschiedenen Tonansammlungen, werden all die Lautkulissen im visuellen Kontext serviert. Das heißt, Geräusche kommen meist in einem bildlichen Zusammenhang daher.

Das Wort „Straßenlärm“ suggeriert bereits die Quelle der Laute und wir haben sofort ein eindrucksvolles Bild vor Augen. Wir fühlen uns vielleicht sogar gestresst, weil „Lärm“ ein negativ besetzter Begriff ist. Auch geben andere klangbesetzte Aussagen eine Art Bedeutungskontext.

Hier gilt es, bewusst zu wählen!

Und sich notfalls der „Lärmquelle“ zu entziehen, auch diese Wahl haben wir.

Fragen wir uns:

Welches Geräusch möchte ich bewusst wahrnehmen?
Welche Emotion löst das in mir aus?
Ist es nur das Geräusch allein oder steht dieses im Zusammenhang mit einer bestimmten Situation?

Musik als Wahrnehmung

Musik bewusst wahrzunehmen, scheint mir schwieriger zu sein, als noch vor 20 Jahren. Zu viele Informationen drängeln sich gleichzeitig und permanent in unser Leben. Dazu gehören künstlich erzeugte und auf Algorithmen basierende Musikprodukte. Oft nehmen wir diese Dauerbeschallung einfach hin und entscheiden uns gegen das bewusste Hören.

Meines Erachtens ist das eine Vermeidungsstrategie.
Wie alles bewusst Erlebte, verlangt das genaue Hinhören, das ich bewusst wahrnehme und mich somit mit mir selbst auseinandersetze.

Lauschen ist einfach. Schwieriger wird es, sobald wir uns ausschließlich auf die Musik konzentrieren (die künstlich generierten Bilder wie Videoclips einmal weglassen) und spüren, was sie mit uns macht.

Was nehmen wir musikalisch wahr?

Da wäre das Wohlgefühl beim Erklingen einer schönen Stimme, das leichte Angerührt-Sein bei einem (melancholischen) Mollakkord, ein sanftes Lächeln bei einer tänzelnden Abfolge hoher Töne oder das gezähmte Mitschwingen beim Erkennen des Rhythmus im Herzschlag. Keine Tapete eben.

Oh ja, Basstöne lassen mich persönlich vibrieren.

Bei elektrischen Gitarrensounds ziehe ich dagegen die Augenbrauen kritisch zusammen. Das Cembalo finde ich wunderbar und ein Audiotune erzeugt ein unspezifisches Einerlei …

Wie ich Musik empfinde, hängt mitunter davon ab, in welche Worte ich die Emotionen verpacke. Mein Beschreibungsvokabular wächst langsam, mit meiner bewussten Hörerfahrung. Ich freue mich schon auf die nächste neue Formulierung, die mir das nähere Definieren „meiner Musik“ ermöglicht.

Die persönliche Beziehung zur Musik

Hörbiographien sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst.
Meine eigene Geschichte mit Musik, reicht von Radiobeschallung westdeutscher Sender auf grenznahem ostdeutschen Gebiet, bis hin zu Schallplatten aus dem befreundeten Ausland. Sie ging vorbei an Werbeclipliedern (eine eindrückliche Quelle), streifte die Endlosschleifen des Musikfernsehens und führte mich schließlich täglich auf Entdeckungsreise durch den digitalen Raum.

Um mich nicht in der Tapete zu verlieren, reduziere ich passive Musikbeschallung ganz bewusst: Ich vermeide Werbung wenn möglich und habe die Autoplay-Optionen schon lange deaktiviert. Beim Verlassen der zum Konsum anregenden Hintergrundbeschallungen, half mir der Austausch mit Gleichgesinnten. Der neuen Tapete zu liebe.

Bei angenehmen Zusammenkünften mit musikliebenden Freunden praktizieren wir selektives Hören. Das habe ich bewusst auf andere Bereiche meines Lebens ausgedehnt. Jetzt gönne ich mir meine Musikerlebnisse beim Kochen, Essen, Proben, Yoga und Spazierengehen.

Ganz bewusst Musik hören,
bei Zeiten für den Tapetenwechsel eben.

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