Katzenkarneval

Diese Stadt ist eine Piratenstadt, sagten sie.
Und allgemein sehr windig.
Mittelalterlich, sehr schmale Gassen.
Bröckelt der Glanz von einst.

Warum weht der Wind dort so stark?

Die Stadt liegt direkt am Meer.
Auch schlägt die Brandung hoch gegen die alten Mauern und unsere Haare nässen sich im sprühenden Wind. Es weht uns die Feuchtigkeit um die Ohren, während die alten Kanonenlöcher ihre Lieder einst glorreicher Piratengeschichten pfeifen.

Leben heute noch die einäugigen Banditen dort?

Vielleicht versteckt, doch das wissen nur die Katzen. Sie haben die Stadt erobert.

Wo sind die Hunde?

Längst vertrieben!

Katzen waren Mohameds Lieblingstiere und die Menschen kümmern sich. Nun sitzen sie auf der Stadtmauer und beobachten eingehend das menschliche Treiben. Sie schleichen auf den Märkten und ergaunern Fische von den Berbern.

Nachts hingehend wird es ganz ruhig und auf leisen Sohlen huschen sie durch alte Ritze.

Was tun sie denn genau, diese Katzen?

Sie rotten sich zusammen. Fünf bis zehn und zehn bis zwanzig Katzen.

Wie ein Rudel? Oder gar eine Katzen-Gang?

Sie flitzen über die Mauern, trotzen der Brandung, fliehen der Wüstenhitze und ihre Münder sind ganz schwarz, wie Masken umrandet.

Woher nur bloß?

Das wissen die Menschen nicht. Nachts ziehen sie in Gruppen los und am Tage schlafen sie, die Münder schwarz gefasst.

Als machen sie sich fein in der Nacht?

Manche meinen, sie schminken sich für ihren Karneval.

Einen Katzenkarneval?

Nun, jetzt nimmst du mich aber auf den Arm!

Wohl, so sei eben deine Ansicht. Ich erzähle nur, was ich sah, in der kleinen Hafenstadt im Norden. Feuerrote Katzen und schwarze Kater, mit stechend grünen Augen. Sie sind die wahren Bewohner der Stadt. Kennen jeden Winkel, jedes Schlupfloch, tricksten die Marktschreier aus und haben die Mauern längst für sich erobert.

Nur was sie die Nächte treiben, das ahnt keiner. Sie scheinen ein eigenes Katzen-Abkommen zu feiern.

Und irgendwann, wenn sich die Menschheit ganz hinter ihren Vorhängen verschanzte, kommen sie auch an den Tagen heraus und feiern ihren kleinen Karneval.

Du meinst, sie nehmen dann die Welt ein?

Wer weiß das schon. Nachdem die Menschen sich nur noch von zu Hause aus versorgen und nie mehr vor die Türen gehen, werden die Katzen von den Mauern springen und die Gassen erobern, selbst wenn die Märkte leer blieben, sie finden Wege, ihren Karneval zu feiern.

Was tun die Menschen nur so lange in ihren Häusern?

Sie schauen ihre Streaming-Dienste, sie bestellen sich Essen nach Haus, sie arbeiten Online weltweit, sie bewegen sich auf ihren Hometrainer und sie atmen frische Luft durch ihre Masken. Sie lenken sie sich den ganzen Tag ab.

Von was nur bloß?

Doch nicht etwa vom Katzenkarneval?

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