Fragebogen #1

Name: Steffi Müller
Alter: 40
Tätigkeit: Wohnzimmerkonzerte und weitere Musikprojekte erdenken und organisieren
(Aktueller) Ort: Berlin (im schönen Pankow)

 

Steffi kommt aus Berlin und ist Sängerin.

Als Kreativ-Schaffende und Gastgeberin für verschiedene Musik-Projekte, möchte sie jedem eine Stimme geben. Dazu öffnet Steffi regelmäßig ihre Tür, um Musiker und Musikliebhaber zusammenzubringen und den Zauber des klanglichen Augenblicks zu genießen.

 

Fragebogen

1. Wann hast du dich dazu entschieden, dieses Leben (welches du jetzt lebst) zu leben?
Gab es dazu einen auslösenden AHA-Moment?

 

In den ersten beiden (von insgesamt vier) Jahren in Irland habe ich mit Hilfe der Musik Zugang gefunden. Zuerst zu den Menschen in dem schönen Land und dann nach und nach auch wieder zu mir selbst.

Denn eigentlich hatte schon als viellesendes Kind eine Vision von mir als Salondame. Als eine tüchtige Person inmitten einer sich immer wieder in sich erneuernden Gesellschaft von interessierten und interessanten Menschen. Wobei durch das gezeigte Interesse sehr oft ein interessantes, offenes Wesen entsteht – und das gilt meines Erachtens für beide am Austauschprozess Beteiligten.

Musik war in der Spielart des Singens immer Teil meines Lebens. Bewusst eingesetzt habe ich das allerdings tatsächlich erst in der Zeit in Irland. Das mündete in dem Versuch, andere Musiker mit Menschen an Orten zusammenzubringen, die Musik brauchten. Sei es, um das Geschäft im eigenen Pub zu beleben oder für eine Hochzeit oder zu privaten Zusammenkünften in Wohnzimmern.

Nach ersten kleinen Erfolgen innerhalb recht kurzer Zeit ließ ich mich vom Leben in eine andere Richtung lenken. Und landete wieder in Berlin. Äußerlich erneut in einer Situation wie „vor Irland“, innerlich allerdings belebt und hungrig – begierig danach, den Kontakt zu mir selbst auch in der alten Heimat zu vernachhaltigen. So fing ich langsam und gezielt an, ein lokales Netzwerk rund um Musik aufzubauen. Und tue das freudig seit zwei Jahren.

2. Was begeistert dich an deinem Tun?

Musik öffnet Menschen.

Wir reagieren auf Töne, Geräusche, Melodien, Rhythmen und können auch gar nicht anders. Je nach Kombination der einzelnen Elemente, wird etwas in uns ausgelöst. Das kann Interesse sein, Wohlgefallen, Abscheu, Begeisterung, Demut, Melancholie, Wut … mit der richtigen Musik kann ich eine bestimmte Stimmung in mir erzeugen.

Wenn ich weinen will, suche ich das passende traurige Stück heraus. Möchte ich lernen, wähle ich barocke Instrumentalmusik. Möchte ich mich selbst verwöhnen, bewege ich mich zu souliger Musik auf Herzschlagbasis.

Mit meinen Wohnzimmerkonzerten ermögliche ich es Menschen, ganz nah an den momentanen Ursprung der Musik zu kommen. Sie wird ohne Filter (wie das Lautsprechersystem oder den persönlichen Geschmack) rezipiert. Auch das Visuelle wird auf den Musizierenden selbst reduziert, es wird keine Deutung durch Bilder vorgegeben.

Die Berührung mit Geräuschen, Tönen, Melodien und den physikalischen Wellen als Medium ist unmittelbar. Wie unterschiedlich meine Gäste auf diese Situation reagieren, überrascht mich immer wieder. Und zumeist erfüllt es mich mit reiner Freude, wenn die Musik ihnen in meinem geschützten Umfeld den Zugang zu etwas in ihrem Inneren ermöglicht.

3. Was ist deine größte Angst?

Früher war meine größte Angst, meine Stimme zu verlieren – meine Gesangsstimme. Das ist heute nicht mehr so. Vermutlich bin ich nicht mehr darauf angewiesen, meine Emotionen auszudrücken und eine gewisse Fähigkeit zu demonstrieren. Was ist meine größte Angst heute? Das ist tagesformabhängig. Manchmal ist es die, in den Augen der aktuellen Gesellschaft es nicht zu schaffen, eine genormte Liebe zu leben.

 4. Wo möchtest du unabhängig sein?

Ich möchte unabhängig von staatlicher Auskunftspflicht sein. Das gilt vor allem für den Bezug von Arbeitslosenunterstützung und die stete Debatte darum, wie man „Teilhabe“ am Leben definiert und definieren lassen muss. Die Offenlegung meiner finanziellen Verhältnisse ist für mich grenzwertig; dass auch meine Angehörigen und Lieben entsprechend auskunftspflichtig sind, löst bei mir keine positiven Gedanken aus.

5. Was bedeutet für dich Freiheit?

Freiheit gibt es für mich auf verschiedenen Ebenen. Die allzeit wichtigste ist das Gefühl, einen gesunden Platz zum Wohnen und gute Lebensmittel zu haben. Denn wenn die Grundbedürfnisse wie Behausung, Wärme, Essen gestillt sind, kann ein Mensch die weiteren Belange des Lebens mit anderer Energie angehen.

Beziehungen aufbauen und pflegen – kreativ sein – sich für Mitmenschen einsetzen – was immer einem wichtig erscheint. Weitere Mikrofreiheiten wohnen all diesen gewählten Tätigkeiten inne.

6. Was ist deine Lieblingsbeschäftigung?

Es sind derer zwei – sinnieren und singen.

7. Welches Tier wärst du gern und warum?

Ein Zebra.

Hinter dem auffälligen, eindrücklichen Gewand steckt auch nur ein Mitglied einer Huftierfamilie. Es wird also überall dort in gewissem Sinn erkannt, wo gleichgebaute Wesen leben. Das finde ich passend.

8. In welcher Art von Miteinander möchtest du leben?

Spontan? Ohne Neid. Ohne Demütigungen. Mit Güte. Und mit genug gutem Essen für alle überall. Ein gut versorgter Körper bringt einen fähigen Geist hervor, der Probleme angehen und lösen kann.

9. Wer sind deine drei Helden?

Über „meine Helden“ habe ich noch nie in dieser Begrifflichkeit nachgedacht. So strikt definiert existieren solche Figuren für mich nicht. Aber es gibt Menschen, deren Leben oder Sein mich beeinflusst hat oder es noch immer tut: Marilyn Monroe, Theodor Fontane, mein Papa.

10. Von welchem Ereignis in den letzten zehn Jahren kannst du sagen, dass es dein Leben verändert hat (oder zumindest deinen Blick da rauf)?

Im Gespräch mit einem recht objektiven Menschen vor ungefähr neun Jahren habe ich den Wunsch definiert, eines Tages nach Dublin reisen zu wollen. Ich kannte die Stadt nur aus dem Fernsehen, wusste nichts über das Land. Und konnte auch nicht formulieren, warum ich dorthin wollte. Unbestimmte Sehnsucht eben.

Mein Gegenüber meinte zu mir, dass ich während der Dublin-Gedanken das ehrlichste, unbeschwerteste Lächeln auf meinem Gesicht getragen hätte. Und es bei anderen Themen nicht wieder aufgetaucht sei.

Von jenem Moment an hat es zwei Jahre der Vorbereitung gedauert, bis ich tatsächlich das erste Mal auf Dubliner Boden stand. Über vier Jahre später erst habe ich das dazugehörige Land wieder verlassen. Und jeden Moment auf seine Art genossen. Seitdem achte ich sehr darauf, was wieder einen „Dublin-Moment“ bei mir auslöst.

Ich folge dieser ehrlichen, tiefwurzelnden Freude und arbeite mich Stück für Stück an die Umsetzung der Vision heran.

11. Was wünschst du dir für die Zukunft?

Finanzielle Unabhängigkeit, damit ich Musik und Musikliebhaber weiterhin unbefangen zusammenbringen kann.

Es ist ein Energieräuber, mit dem sich kunstmögende Menschen stets auseinandersetzen mussten. Aber nur weil etwas immer so war, muss es nicht auch für immer so bleiben.

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