Die Mutter aller Künste

Name: Ute Kneisel alias ILLUTE
Tätigkeit: Singer/Songwriter, Illustratorin, Grafikerin
(Aktueller) Ort: Berlin

Fragebogen

1. Was ist Kunst für dich?

Die Schöpferkraft durch sich hindurch wirken lassen. In dieser Haltung die Essenz des Lebens erforschen und auf eine begreifbare Ebene bringen. Ein Ergebnis, das die Seele zum Schwingen bringt.

2. Ist in deinen Augen jeder Mensch ein Künstler (oder hat zumindest das Zeug dazu?) Wie stehst du dazu?

Ja und Nein. Jedes Leben ist ein kreativer Prozess und jeder Mensch kreiert sein Leben. Insofern nutzt jeder Mensch die Schöpfungskraft und ist somit ein Künstler/eine Künstlerin. Es gibt aber Menschen, die diesen Schöpfungsprozess auf einer abstrakten Ebene leben und ihn sehr intensiv reflektieren. Und ich denke, diese Menschen haben auch spezielle Eigenschaften, z.B ein extremes Bedürfnis nach Freiheit, ein großes Streben nach Sinnhaftigkeit. Große Neugier, große Zweifel. Außerdem sind sie sehr empfänglich für die Botschaften des Lebens und haben eine eigene Sprache entwickelt, um diese zu übersetzen. Sie haben ein großes Sendungsbewusstsein.

3. Was sind Kreationen für dich?

Das, was entsteht, wenn man sich der Schöpferkraft zur Verfügung stellt und sich in einen „Flow“ begibt.

4. Was bedeutet Kreativität für dich?

Dinge so zu kombinieren/zusammenzubringen, dass etwas Neues entsteht, etwas was das Wesen der Dinge auf einer neuen Ebene erfahrbar macht.

5. Wie kreierst du Dinge? (Hier gibt es keine Grenzen, ob kochen, gärtnern, singen, handwerkern..)

Zeichnen, malen, basteln, tanzen, Geschichten ausdenken, Gedichte schreiben, Lieder schreiben, Melodien entwickeln, mit meinem Kind Höhlen bauen und Sandsuppe kochen, mit den Dingen, die wir finden eine Geschichte spielen

6. Woher schöpfst du deine Ideen?

Wenn mich etwas berührt, dann gehe ich dieser Schwingung nach, versuche eine Botschaft zu empfangen oder gebe ihr einfach Raum. Dabei entstehen sehr oft Ideen. Oft passiert es auch unbewusst.

7. Wie arbeitest du am besten kreativ?

Am Besten, wenn ich allein bin und mich ganz in Raum und Zeit verlieren kann.

8. Was brauchst du, um im Flow zu sein?

Zeit alleine. Raum. Ruhe und/oder eine ganz starke Verbindung zu meinem inneren Kern.

9. Welche drei Menschen inspirieren dich?

Alle Menschen inspirieren mich, auf unterschiedlichste Art und Weise. Direkte Inspiration spüre ich, wenn Menschen „in ihrem Element“ sind. Wenn sie ganz mit sich verbunden sind und aus dem Herzen sprechen. Mich inspiriert dann ihre Klarheit, ihre Energie und ihre Schönheit.

10. Was bedeutet Inspiration für dich?

Ein Kribbeln im ganzen Körper, wenn ich spüre, dass sich verschiedene Bereiche plötzlich verknüpfen und etwas Neues dadurch entsteht. Wenn in mir etwas zum Schwingen gebracht wird, auf dass ich sonst nicht so einfach Zugriff habe. Ein Raum in mir, der sich öffnet und der längere Zeit verschlossen war.

11. Was ist dein Anliegen? Was möchtest du uns mit deiner Kunst geben? Was ist dein Dharma (vollkommener Ausdruck)?

Mein größter Lebenswunsch und meine Lebensaufgabe ist es, Frieden zu finden. Und ein Weg dahin ist in Verbindung zu gehen. Wenn ich singe oder zeichne fühle ich mich zu 100% verbunden. Mit meinem inneren Kern. Mit der Welt. Ich erlebe immer wieder, dass dieser Zustand auch auf andere Menschen überspringt und sie auch mit ihrem inneren Kern in Kontakt kommen. Das sind jedes Mal unglaublich schöne Momente, die mich motivieren meinen Weg weiterzugehen. Ich denke, wenn wir mit unserem inneren Kern verbunden sind, dann sind wir auch automatisch mit den anderen, mit der Welt verbunden. Und diese Verbundenheit ist für mich ein Schlüssel für Frieden.

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www.illute.com

Ute alias Illute ist Musikerin, Illustratorin, Künstlerin und Mutter. Sie singt, sie zeichnet, sie schafft, sie gestaltet und ist umsorgend.

Als wir uns zum Interview in einem wunderschönen Fabrik Hinterhof trafen, in dem eine Bäckerei mit köstlichen Leckereien ansässig ist, berichtete mir Ute von ihrem Leben als Künstlerin mit Kind.


Jeder von uns kennt diesen Konflikt zwischen freiheitlicher Selbstentfaltung und bodenständiger Absicherung. Keiner von uns würde den Mount Everest erklimmen, ohne Sicherheitsgurt. Es ist dieser innere Drang, etwas Nachhaltiges zu schaffen, seine kreativen Impulse Ausdruck zu geben und dabei mit einem stabilen Sicherheitsnetz zu jonglieren.
Ute erschafft sich diese Balance neu und findet Wege, die keine Bedürfnisse ausschließen. Sie möchte alles greifen, ihren kreativen Selbstausdruck, ein bedingungsloses Dasein für ihre Tochter und die Integration der Künstlerin als Mutter. Das beides funktioniert, beweist sie in ihrem neuen Video: Dieses Kind.


Als Musikerin wird Ute als öffentliche Person wahrgenommen und ihre Rolle als Mutter ist politisch. Wie sie sich selbst in diesem Widerspruch erlebt, erfahren wir in ihrem Gastbeitrag.

Die Mutterrolle passt nicht mehr..

Frauen werden sichtbar

Seit 1919 dürfen Frauen in Deutschland wählen. Yeah.
Seit 1958 dürfen Ehefrauen ein eigenes Konto führen und selbständig über ihr Geld verfügen. Wohoo!
Und seit 1977 dürfen Frauen sogar ohne Erlaubnis ihres Ehepartners berufstätig sein. Wow!

Es hat sich einiges getan in den letzten 100 Jahren. Und dennoch werden weiblich sozialisierte Menschen immer noch, mehr oder weniger subtil, kleiner gehalten, als männlich sozialisierte.

Und Menschen, die sich gar nicht in diesem binären System wiederfinden, müssen noch um ein Vielfaches mehr kämpfen, um gesehen und berücksichtig zu werden.

Für Frauen gilt nach wie vor ein bisschen „temperamentvoll“ ist sexy, aber bitte nicht zu wütend, das ist dann hysterisch.
Und sich für Kinder- und Frauenrechte einsetzen? Was ist das denn für eine Öko-Tussi? Sexuelle Übergriffigkeiten sind doch nur Komplimente und wenn Frauen bei gleicher Tätigkeit deutlich weniger verdienen, als ihre männlichen Kollegen, dann können sie einfach nur nicht ordentlich verhandeln.

Sind Mütter auch Frauen?

Die Mutterrolle wird zum politischen Zwecke instrumentalisiert. Frauen werden beschämt, wenn sie sich bewusst gegen Kinder entscheiden.
Frauen mit Kindern werden beschämt, wenn sie „trotz“ Kinder Karriere machen und sie werden beschämt, wenn sie für die Kinder zur „Hausfrau“ werden.

Wie sehr Mütter unter Druck stehen und diese Beschämungsstrategie verinnerlicht haben, wird in sozialen Netzwerken sichtbar.
In sogenannten „Mami-Gruppen“ versuchen sich Mütter nicht selten gegenseitig zu beschämen, um ihren eigene Wert zu beweisen. Das macht mich so traurig. Denn ich weiß, Eltern bringen rund um die Uhr so enorm viel Empathie für ihre Kinder auf. Und ihnen fehlt dann oftmals die Kraft, effektiv auf ihre Situation aufmerksam zu machen und für ihre Rechte einzustehen.

Vor allem betrifft das alleinerziehenden Mütter. Und genau die werden gesellschaftlich, wie politisch immer noch massiv benachteiligt.
Ich habe mich entschieden, mit meiner Mutterrolle nicht mehr hinterm Berg zu halten.

Meine Kunst als Mutter

Kinder zu bekommen und zu begleiten ist nicht nur Privatsache, es ist enorm politisch.
Mein Bedürfnis nach Privatsphäre war immer schon sehr ausgeprägt und ich habe die Schwangerschaft mit meiner Tochter anfangs als etwas ganz privates und sehr intimes erlebt.

Doch spätestens als mein kugelrunder Baby-Bauch alle Blicke auf sich zog, stand ich plötzlich mit meiner Schwangerschaft und mit meinem Privatleben im Rampenlicht.

In dem Moment, als ich das erste Mal hochschwanger auf einer Bühne stand, wurde mir auf wirklich allen Ebenen bewusst, wie politisch und wie spannungsgeladen dieses Thema ist.

Nach der Geburt brauchte es daher einige Zeit, bis ich mich getraut habe den intimen, schützenden Raum der eigenen vier Wände zu verlassen. Doch dann habe ich mich bewusst dazu entschieden, meine Mutterrolle in der Öffentlichkeit zu thematisieren. Einfach, um bewusst mitzugestalten und um vielleicht ein Vorbild sein zu können. Für werdende Eltern und für mein Kind.

Nach der Geburt meiner Tochter bemerkte ich schnell, dass es mir schlicht und einfach an Vorbildern fehlt. Kreativschaffende Frauen, für die Beruf und Familie kein Widerspruch ist, ja die beides sogar miteinander verbinden können. Frauen, für die Berufung und Kinder zusammengeht.

Daher möchte ich alle Frauen dazu ermutigen: Beginnen wir, von uns und unseren Geschichten zu erzählen und lasst uns, gegenseitig aufmerksam zuhören! Damit die aufgeladene Mutterrolle nicht länger gegen uns benutzt wird und die Deutungshoheit nicht nur Menschen zukommt, die von unserer Diskriminierung profitieren.

Lasst uns gemeinsam den Muttermythos auflösen und Raum für all das schaffen, was in uns lebendig ist. Erlauben wir uns, unsere fürsorglichen ebenso wie unsere feurigen und schöpferischen Seiten zu erfahren.

Dazu möchte ich ermutigen und dafür trete ich ein!

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