Die Ecke

Die Ecke

Was ich dich schon immer fragen wollte und jedes Mal wenn ich dich sah, vergaß ich es und dann fiel es mir wieder ein, damals, als du um die Ecke bogst.

Wie nun gerade.

Was sollte ich tun?

Dir hinter her rennen und lauthals Stopp rufen, mich panisch vor deine Füße werfen, nur für eine so kleine Alltagsfrage.

Fragen, die so belanglos sind, sich um so belanglose Dinge drehen, also um Dinge, die im Großen und Ganzen keinen übergeordneten Sinn ergeben, wenn sie auch im alltäglichen sehr wichtig scheinen.

Solche Fragen sind es nicht wert, dafür jemanden den Weg abzuschneiden oder eine Stolperfalle zu stellen.

Ich sah dir also nach, ganz bewusst für einige Augenblicke und heute bin ich froh darüber, dass ich dieses letzte Mal so gescheit nutzte und dir ganz bewusst hinterher sah, wenn auch mit dieser lächerlichen Frage im Sinn.

Ich habe mich lange gefragt, was passiert wäre, wenn ich dir nachgerufen hätte.

Sicher, an den Umständen an sich, hätte es nichts geändert, aber vielleicht an unserem letzten Gespräch, unseren letzten Blicken, das letzte Lächeln. Vielleicht wüsste ich dann heute gar nicht so bewusst, wie diese letzten Augenblicke gewesen wären, hätte ich nicht dort gestanden.

Dort an der Straßenecke mit dem orange-streuenden Licht.

Nun ist diese belanglose Frage jedenfalls völlig ohne Belang.

Nur dein Gesicht ist mir so eingebrannt. Ich erinnere mich noch an alle Konturen, an jede Feinheit, an jedes Fältchen um die Augen und die zarten Lachgrübchen.

Doch die Frage habe ich vergessen.

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styxme edition

Posted on: 14. Februar 2020styx

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