Der Fahrstuhlführer

Der Fahrstuhlführer

Ich sah ihn eigentlich stets dort sitzen.
In seiner kleinen Kammer.
Acht Stunden am Tag.
Sechs Tage die Woche.

Sein Gesicht war blass.
Seine Haut schien eingefallen.

„Stockwerk?“, fragte er ohne ein Lächeln.
„Achter“, antwortete ich.
Und lautlos fuhren wir aufwärts.

Luis war sein Name und er wurde in Santiago de Chile geboren.
Seit nunmehr 22 Jahren arbeitet er als Fahrstuhlführer.
Er sitzt in dieser kleinen Kammer und drückt für die mitfahrenden Knöpfe.
Früher war er freundlich und zuvorkommen.

Als er anfing, war der Verdienst so gut, dass seine junge Frau nicht arbeiten musste.
Er war fasziniert von den Menschen und Besuchern aus fernen Kontinenten, die er in seinem Fahrstuhl traf.
Er begann sich alles aufzuschreiben.
Jede Begegnung notierte er.
Alles hielt er fest, kategorisierte es und ordnete die Leute, je nach den Ländern aus denen sie stammten.
Er fragte sie aus, wurde eingeladen, mitgenommen, vorgestellt.
Andere Leben offenbarten sich ihm.
Genuss und Gesellschaft sprudelten im Überfluss.

Hinter seinem faltigen Gesicht konnte ich noch jene Kraft von damals erahnen.
Ein zartes Aufblinzeln seiner Augen, verrieten für Sekundenbruchteile die Neugier, die ihn einst antrieb.
Seine immer noch starken Arme, lagen verschränkt auf seinem Schoß.
Der Blick gesengt, ins Nichts starrend.

Als seine Frau bei der Geburt ihres siebten Kindes starb, versiebte seine Freude.
Er staunte nicht länger über die Fremden in seinem Fahrstuhl.
Stattdessen begann er die anderen zu verabscheuen, für ihr scheinbar fantastisches Leben.
Warum konnten sie sich ein Zimmer leisten? Hier am Plaza de Armas.
Dort, wo er schon so lange als Fahrstuhlführer arbeitete.

Warum verurteilte er sich so hart?
Was war geschehen?

Er schaute niemanden mehr entgegen.
Unter keinen Umständen sprach er ein freundliches Wort.
Ein einzelner Ausspruch, entrang nun mehr seinen Lippen.
„Stockwerk?“
Und er blieb weitgehend stumm.

Ohne jede Regung.
Ohne Gefühl.
Ohne Leben.
Lediglich das Surren des Fahrstuhls und das Rattern der Bewegung waren zu vernehmen.
Und Luis blieb lautlos dort sitzen.

***

styxme edition

Posted on: 15. September 2019styx

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