Am Ufer

Erinnerst du dich?

 Sie stand da, ihre Augen ruhten auf dir, ihr Blick war hart und abwertend. Sie starrte, ohne einen Funken Menschlichkeit.

Wer sah dich so an?

Sie, gekleidet als Emotion, wandelnd Tag und Nacht in Gestalt des Mondes.

Sie ist immer da.
        Sie nimmt und gibt.
Sie fließt und überflutet.
               Sie hält dich gefangen.

Ich grübelte stets, was mich so lange daran hielt. Es war schließlich offensichtlich.

Was war dir so klar?

Heute, nachdem das Vergangene längst gelebt wurde, sehe ich sie, wie sie versuchte, ihre Emotionen wissentlich überfließen zu lassen, erst jetzt, verstehe ich all die Umstände, in die sie mich warf.

Was glaubst du, warum sie es tat?

Weil sie der Mond ist.
Sie kann nicht anders. Das ist ihre Natur. Sie nimmt und gibt. Immer und immer wieder wechselhaft, doch so präzise wie ein Schweizer Uhrenwerk.

Was geschah dann?

Ich versuchte zu fliehen.

Ich versuchte, dem Mond zu entkommen. Doch sie kam immer näher. Immer wieder, war sie da. Manchmal in voller Blüte, manchmal halb versteckt, manchmal fast unsichtbar, doch sie war anwesend. Immer war sie anwesend. Ich konnte ihre Stimme nicht löschen, ich konnte sie nicht länger ertragen, ihre permanente Anwesenheit, ganz nah und so vereinnahmend.

 

Ist die Flucht geglückt?

Dann kam ich an ein Ufer. Nach monatelangem Kämpfen war ich völlig erschöpft und müde.

Ich lag da. Atemlos. Mein Körper zitterte. Ich war durchnässt, müde, einsam, orientierungslos.

Gerade so konnte ich mich ans rettende Ufer schleppen. Ich rank nach Wasser, hechelte nach Luft, griff nach einem Halt. Alle Boote, alle Seile, alle Anker waren längst gesunken. Nur dieses Ufer blieb mir noch.

War das die Stunde deiner Befreiung?

Ja, denn ich verstand. Ich sah endlich, dass die Flucht vergebens war.

Ich begriff.
Die Wahrheit traf mich blitzartig.
Sie war umwerfend.
Ich sah.
Nun musste ich es eingestehen.
Endlich verstand ich.

Wie meinst du das?

Es war Ebbe.

 

***

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